Ein paar Anmerkungen zum gestrigen Statement der Amigos

gulli-krankenbettIn einem aktuellen Statement gibt man im gulli:board bekannt, man sei von dieser raschen Entscheidung überrascht worden. Wieder einmal – wie zuvor in diversen Diskussionen in der Shoutbox auch – wird versucht darzulegen, man sei an den Entscheidungen nicht alleine oder selbst betroffen gewesen. Leider musste ich diese Vorgehensweise schon häufiger feststellen. Ich finde: Wer glaubt, er muss Entscheidungen treffen, der sollte auch dahinter stehen. Dann später zu behaupten, man war von den selbst ausgeprochenen Kündigungen und Sperren überrascht, finde ich persönlich befremdlich. Das sieht für mich so aus, als wenn man die Verantwortung von sich schieben möchte.

Zur Kritikfähigkeit lässt sich anmerken. Ja, die beiden Amigos hören einem zu. Aber dann tun sie, was sie wollen. Die Vorschläge und Eingebungen der Moderatoren wurden leider vielfach ignoriert. Bestehende Regeln, die sich im Laufe der Jahre entwickelt und bewährt haben, werden einfach von den Hamburgern außer Kraft gesetzt. Zugegeben: Leider waren manche Aussagen der Moderatoren im Chat daneben. Egal ob man provoziert oder die Pferde mit einem durchgehen. Aussagen wie „fickt euch“ etc. haben in keinem Chat etwas zu suchen, da bin ich ganz auf Seiten der jetzigen Betreiber. Das würde ich mir auch nicht gefallen lassen. Ob man jeden Fehltritt sofort mit einer permanenten Sperre quittieren sollte, steht aber wieder auf einem anderen Blatt Papier.

Im Statement der aktuellen Betreiber von gulli.com wird ausgesagt, die Bewerbungsrunde für neue Co-Moderatoren wurde blockiert. Ja, das stimmt. Es war merkwürdig, dass diese Ankündigung ohne jede Absprache publiziert wurde. Bisher war dieses Forum eine Demokratie. In dieser bedürfen neue Schritte der Absprache aller Verantwortlichen. Zudem bestand zum fraglichen Zeitpunkt tatsächlich kein Mehrbedarf an Moderatoren. Wenn Zugriffszahlen tatsächlich im Forum um 30% und mehr nach unten gingen, so lag dies nicht an unerwünschten oder sonstigen Aussagen, die zu Abmahnungen führen konnten. Der teils heiße Sommer wird daran auch seinen Anteil gehabt haben. Außerdem verlieren Foren noch immer viel Trafic an Facebook oder andere soziale Netzwerke, die mit ihren Features zum Verweilen einladen.

Niemand hätte zum damaligen Zeitpunkt ahnen können, vom harten Kern des Teams blieb kurze Zeit später nur etwa 10 bis 20% übrig. Der Ansatz mehr Flexibilität ins Team zu bekommen, indem man die Anzahl der b:c-Mitglieder auf 3 Personen reduziert, wurde von uns entgegen der Aussage der Amigos mit Argumenten belegt. Bei nur 3 Personen ist nämlich nicht gewährleistet, dass für eine Entscheidung stets genügend Verantwortliche erreichbar sind. Beantwortet wurde diese Anfrage in jedem Fall, selbst wenn das jetzt anders dargestellt wurde. Auch könnte man bei nur 3 Personen nicht alle Bereiche abdecken. Einer Board:Crew ist nicht damit geholfen, wenn wichtige Aspekte nicht behandelt werden können, weil den Entscheidungsträgern dafür die nötige Kompetenz fehlt. Bei der früheren Anzahl von Mitgliedern war jeder Bereich abgedeckt und es waren immer genügend viele Personen für Entscheidungen erreichbar. Leider ging man auf diese Argumente nicht ein.

gulli.comWeiter schrieb Amigo, die Entfernung von Dexter aus dem Team „musste“ geschehen. Wieder so eine Aussage, mit der man sich sehr deutlich aus der Verantwortung ziehen möchte. Ist es zu viel verlangt, sich eine Nacht Bedenkzeit auszubitten? Wieso muss bei Amigo und StefanRecht immer alles sofort entschieden und kommuniziert werden? Bisher hat man sich für wichtige Entscheidungen immer ausreichend viel Zeit genommen. Das führte im Resultat zu weniger Fehlentscheidungen. Der Rauswurf von Dexter wird als nicht „die eleganteste Art und Weise“ beschrieben. Falsch, es war in meinen Augen schlicht unfair. Begründen möchte man diese Entscheidung schon wieder nicht. Diesmal mit dem Hinweis auf interne Informationen, die man nicht verbreiten dürfe.

Zu gerne würde ich wissen, welche Aussagen meines Blogbeitrages nicht der Wahrheit entsprechen, wie man es behauptet. Natürlich wurde diese Behauptung nicht begründet, weil man das schlichtweg nicht kann. Es gab anfangs einen inhaltlichen Fehler, den ich mit Hilfe von Dexter sofort korrigiert habe. Dexter wurde entgegen meiner anfänglichen Behauptung nicht gesperrt, sondern zu Beginn lediglich zu einem normalen User degradiert. Die Sperre durch die gamigo Advertising GmbH folgte aber später noch. Auch war es kein „Wegfall“ meinerseits. Ich wurde ohne Angabe von Gründen gesperrt, auf eine Erklärung kann ich wohl lange warten.

Absolut nicht nachvollziehbar ist für mich die Annahme der Amigos, dass die viele Sperren von Usern aber auch Mitgliedern des Teams zu mehr Webseitenaufrufen führen sollen. Der kurzfristige Einsatz eigener Mitarbeiter zur Moderation wird die Kosten von gulli.com weiter steigern und den Umsatz schmälern. Die vielen Sperren führen weder zu mehr Frieden im Forum, sie führen auch nicht zu mehr Seitenaufrufen. Wie man so ein Internet-Portal zur „alten Stärke“ führen möchte, ist mir nicht klar. Etwas „auf Vordermann bringen“ heißt also jeden Widerspruch zu verbieten? Die URL zu meinem Blog wurde bereits kurz nach dem letzten Beitrag in die eigene Blacklist aufgenommen. Man freue sich nun über „reichlich Diskussion“ und kündigt gleichzeitig an, weitere Einzelpersonen auszuschließen, sollte dies nötig sein. Wie soll eine offene Diskussion bei einer Ankündigung von weiteren Sperren möglich sein? Ist eine Meinung abseits der eigenen überhaupt gewünscht?

Am Schluss dankt Michael Stadler für das entgegen gebrachte „Verständnis„. Da die meisten der getroffenen Entscheidungen intransparent sind und man diese nicht nachvollziehen kann, dürfte es auch bei vielen Usern am Verständnis an der aktuellen Entwicklung mangeln. Was auf Dauer bleibt, sind Menschen, die über eine Suchmaschine über das Portal oder Forum gestolpert sind, dementsprechend kurz bei gulli.com verweilen oder solche, denen das Schicksal der früheren Teammitglieder einfach nur egal ist. Ich werde zu keiner der genannten Kategorien gehören.

Über Lars Sobiraj

Hallo! Mein Name ist Lars Sobiraj, ich bin Online-Journalist und Seminar-Leiter. Meine Fachgebiete sind Datenschutz, Urheberrecht, Netzpolitik, Hacktivismus, Technologie und Internet.

13 Gedanken zu „Ein paar Anmerkungen zum gestrigen Statement der Amigos

  1. Es wurden Entscheidungen getroffen, es wurden Entscheidungen getroffen, es wurden Entscheidungen getroffen, interne Infos, interne Infos….plaplapla
    Ein Statement, ist sowas m.E. nicht!

  2. Hallo Lars,
    weisst du denn wenigstens welchen Blogbeitrag man zum Anlass nimmt? Ich finde es schade das die Amigos hier so reagiert haben und gulli ungebremst mit 100 Sachen gegen die Wand fahren. Ohne Anschnallgurt und offenen Auges. Sehr schade.
    Die Veränderung bei gulli wird wohl die sein, das Board abzuschalten weil es in Zukunft keine Diskussionen mehr geben kann/wird.
    Sehr schade.

  3. Hier sind wohl zwei harte Fronten aufeinander getroffen und der Hausherr hat zumindest die Macht gewisse Dinge durchzusetzen. Ob dies dann auch immer klug und Sinnvoll ist, steht wiederum auf einem anderen Blatt Papier.

    Demokratie in einem Forum ist wohl nur Wunschdenken, denn wie erwähnt steht oben in der Regel eine Person oder Firma. Aber in einer vernünftigen Firma bindet man sein Team ordentlich in gewisse Prozesse mit ein, was hier wohl von Anfang an und konsequent nicht getan wurde.

    Ich denke man will einfach einen komplett neun Kurs setzen und da ist es fast schon egal, zu welchen Kosten und wenn dann auch alte Strukturen und auch quasi Köpfe rollen müssen.

  4. Natürlich hat der Eigentümer das Recht dazu. Demokratie ist aber in gewissen Grenzen nötig. Ansonsten haben die Ehrenamtler keinen Anlass ihre Freizeit für ein kommerzielles Projekt zu opfern. Es wird sich zeigen, ob die Zugriffszahlen dabei nicht noch mehr in den Keller gehen werden. Ich befürchte es fast.

    Den neuen Kurs möchte ich gerne mal sehen. Bisher habe ich noch keine inhaltlichen Ansätze erkennen können.

  5. Ich sag es mal so, überall wo ein kreatives Team seine Arbeit verrichten soll, sollte man diesem auch eine gewisse Freiheit zugestehen, sonst kann sich Kreativität nicht entfalten. Zudem ist es wie überall, es sollte immer eine gesundes Maß an Geben und Nehmen sein.

    Ich bin mal gespannt wie sich dort das ganze entwickeln wird.

  6. Mein Account (nur Mitleser) scheint auch nicht mehr zu existieren und die Registrierung für „neue“ Mitglieder ist aktuell geschlossen. Man räumt wohl auf. Schade. Hätte mir gerne das Feedbackthema angesehen, wobei man dort wohl eh alles weg zensieren wird was den Amigos nicht in den Kram passt. Was man bisher so liest, nicht nur bei dir Lars, zeigt ja bislang ein nicht so hybsches Bild.

    Ich bin weiß Gott kein „Community-Manager“ als was sich so mancher halb studierter Knoten hinstellt, aber, um mal ein Teil aus dem Feedback der Amigos aufzubringen „selbst meine Tochter (12) würde erkennen das dieses Vorgehen der Community und dem Portal erstmal nur sehr schadet“ :P Egal ob nun „interna“ Gründe da sind oder nicht, das interessiert aussenstehende ja eh nicht, die sehen nur was da gehandhabt wird und das sieht nun mal aus diversen Seiten nicht gut aus.

  7. Gulli war einfach mal mehr und besser als das übliche. Jetzt ist es nicht mal mehr das übliche.

    Traurig wie mit den Leuten umgegangen wird die daraus das gemacht haben was es bis vor kurzem noch war.

    Auf der anderen Seite war schon bei dem Verkauf abzusehen das es zu ende geht.

  8. Es ist unglaublich wie schnell und radikal sich das g:b von einem freien Ort des Meinungsaustausches zu einem – ich möchte fast schon sagen – totalitärem Ort der Angst und Unsicherheit geändert hat.
    Ich bin seit 2003 oft auf gulli gewesen, seit 2006 registriert und ich habe dort unglaublich viel gelernt. Sei es über Verschlüsselung, Computersicherheit im allgemeinen oder den Kerngedanken von Open Source. Dank eurer hilfreichen Threads bin ich von einem Internet-Neuling zu jemandem geworden, der sich zumindest in diesen Bereichen etwas auskennt. Dass dieses Wissen immer frei und ohne kommerziellen Gedanken vermittelt wurde, hat mich nachhaltig geprägt. Seitdem konnte ich vielen meiner Freunde, Bekannten und aus meiner Familie in Fragen der PC-Sicherheit helfen.

    Und nun – so scheint es mir – hat sich mein Lieblings-Nerd-Portal zu einem Ort geändert, bei dem ich zuvor überlegen muss, ob ich fragen darf wo denn das „neue gulli board“ zu finden ist (ngb.to btw^^). Selbst die Verabschiedungsthreads alter, liebgewonnener Admins, Moderatoren und Mitglieder werden geschlossen, so dass ich mich nicht mal für all die Jahre bedanken kann, in denen ich Nachrichten genießen konnte, die es so in keiner deutschen Zeitung zu lesen gibt.

    Daher nochmal an dieser Stelle: Danke für all die Arbeit, all die Mühen, aber vor allem all den Spaß den wir zusammen hatten. Mit dem neuen g:b gibt es ja wieder einen Tummelplatz der ohne Blacklists, Zensur, Perma-Bann wegen Kritik etc.pp auskommt.

    Lieben Gruß
    Ritterduke

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