E-Book-Piraterie: Wie geht es weiter?

Pirates_of_the_Carribean_PosteDas Jahr neigt sich seinem Ende zu. Viel ist geschehen in den letzten Monaten. Zeit für einen Rückblick und den Versuch eines Ausblicks. Quo vadis E-Book-Piracy, wie wird es weitergehen?

Konzentrieren wir uns dabei auf die Probleme der digitalen Buchpiraten. Die Geschehnisse in 2013 mit Aufkommen und dem plötzlichen Fall von TorBoox setze ich einfach mal als bekannt voraus. Ansonsten lohnt es sich, hier auf dem Blog den Suchbegriff E-Book oder TorBoox einzugeben.

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Büchermikado: Fressen sich die Kinder der Revolution gegenseitig?

Alles fing mit den hobbymäßigen Scannern von Büchern und Restauratoren von Radiosendungen an, um Hörspiele und Bücher dauerhaft festzuhalten. Alles was an Hörbuchsendungen auf Musikkassetten und Tonbändern gespeichert war, wurde im Laufe der Zeit digitalisiert und auf der Festplatte gespeichert. Obwohl die Sammlung der Werke keinen kommerziellen Hintergrund hatte, gab es private Liebhaber, die Sendungen im Gesamtumfang von 10 und mehr TB Terabyte zusammengetragen haben. Die kommerzielle Konkurrenz von lul.to hat derzeit rund 3 TB im Angebot. Es gibt auch Hobby-Scanner, die mehr Bücher in digitaler Form gesammelt haben, als man bei Foren wie boerse.bz, ebook-land.us oder mygully.com bekommen kann.

Ich hätte auch schreiben können: die Revolution frisst ihre eigenen Kinder. Warum? Wenige Wochen vor dem endgültigen Aus von TorBoox erschien „ganz zufällig“ ein gigantisches Archiv mit allen dort verfügbaren Werken. Wer auch immer jetzt mit einer neuen Seite anfängt, was aufgrund der fantastischen Verdienstmöglichkeiten schnell passieren wird, kann sich auf dieses Archiv stützen. Niemand muss mehr bei null anfangen. Grundsätzlich gesehen gibt es zahlreiche Quellen für frische Ware. Zwar werden auf einigen Filehostern die E-Books gezielt gelöscht, allerdings gibt es auch weniger kritische Sharehoster und es gibt so viele kostenlose Warez-Seiten (hoerbuch.in, lesen.to, bookza.org etc.), sodass die Antipiracyfirmen gar nicht mit den Abuse-Mails nachkommen. Das Usenet ist bezogen auf die Nutzerzahlen eher klein und ausgefallen. Doch auch dort könnte sich ein Neuanfänger reichlich bedienen. Wer einen schnellen Proxy oder VPN-Dienstleister in Anspruch nimmt, kann sich auch ohne Abmahnungen via P2P eindecken.

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Doch die Benutzung eines Usenet-Providers oder VPN-Anbieters kostet Geld. Geld, welches man sich lieber sparen möchte. Außerdem hat man seit einigen Wochen das Gefühl, dass kaum noch jemand für Neuerscheinungen oder Userwünsche Geld ausgeben will. (Bildquelle, thx!) Die Betreiber kommerzieller Seiten mit einem Abo- oder Prepaid-Modell blieben bei ihren Beständen, um ihren Umsatz und somit ihren Gewinn zu maximieren. Je länger die User ohne zusätzliche Einkäufe bei der Stange gehalten werde, desto höher der Gewinn. Jeder Neueinkauf wird sofort geleakt, weswegen die Exklusivität neuer Titel augenblicklich verloren geht. Damit es niemanden betrifft, wurden einfach keine neuen Bücher mehr vom DRM oder digitalen Wasserzeichen befreit. In der Szene wird die Problematik als „Büchermikado“ bezeichnet. Beamtenmikado ist ein Ausdruck dafür, dass der Beamte verliert, der sich als erstes während der Arbeitszeit bewegt. Das Büchermikado funktioniert ganz ähnlich. Wer von den Anbietern aus dem Graubereich zuerst Geld für Neueinkäufe ausgibt, hat verloren. Die Vertreter dieser Theorie glauben, die ganzen illegalen Plattformen könnten sich langfristig betrachtet gegenseitig neutralisieren. Umso mehr Portale dazukommen, umso ruhiger wird es. Soweit zumindest die Theorie.

Legale Alternativen weitgehend ignoriert

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Für Hörspiele gibt es übrigens auch legale Alternativen, die aber leider größtenteils unbekannt sind. Beispielsweise beim Radioportal phonostar.de kann man sich für knapp 5 Euro monatlich Radiosendungen aufnehmen lassen, die man sich später bequem als MP3 herunterladen kann. Die Nutzer können aus einem der rund 7.000 angebotenen Radiosender auswählen. Wer einmal ein Kindle von Amazon benutzt hat, wird es so schnell nicht mehr aus den Händen legen. Das Akku läuft (im Vergleich zu einem Smartphone oder Tablet-PC) quasi ewig, die Benutzung ist denkbar einfach, der Erwerb von vielen Büchern erscheint gerade vor einem längeren Urlaub sehr verlockend. Dennoch werden viele legale Alternativen schlichtweg ignoriert.

Der Bezug der E-Books wird immer komplizierter

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Doch das eigentliche Problem für die Szene ist ein ganz anderes. Langsam wird es eng beim Bezug neuer Werke. Die Online-Shops gehen immer mehr dazu über, ihre E-Books mit hartem DRM (Kopierschutzmaßnahmen) oder digitalen Wasserzeichen (weiches DRM) zu versehen. Ist das Werk DRM-geschützt, soll man es nicht vom E-Bookreader entfernen können, womit man es erworben hat. Digitale Wasserzeichen hinterlassen im E-Book einen verschlüsselten Hinweis darauf, wer der Käufer ist. Wird das Buch dann über eine der einschlägigen Quellen im Web verteilt, kann der Verlag an den identifizierten Käufer mit zivil- und strafrechtlichen Konsequenzen herantreten. Es nützt dem Einkäufer nichts, dass er in den meisten Fällen nicht der Uploader der Werke im Usenet, bei Filehostern oder in P2P-Netzwerken war. Die Entfernung der Schutzmechanismen kann nicht automatisch vollzogen werden. Im Idealfall sind zwei Dateien vom gleichen Werk vorhanden, um sie miteinander vergleichen zu können. Das Entfernen des Kopierschutzes ist zwar oftmals kein Hexenwerk, es kostet aber Zeit und setzt technisches Wissen voraus.

Auch sonst wird der anonyme Einkauf immer komplizierter: Amazon möchte beim Einkauf auf Dauer den Klarnamen und die Adresse des Kunden überprüfen. Auch wenn man ausschließlich Gutscheine bei Amazon einlöst, verlangt das Unternehmen nach einer gewissen Zeit eine Überprüfung der Identität des Käufers. Wer das nicht zulässt, dessen Account wird gesperrt. Lösungen für die Verwendung von Wasserzeichen werden mittlerweile auch Self-Publishern gegen Bezahlung angeboten. Momentan wird der Einkauf im Graubereich auf mehrere Online-Shops verteilt. Dennoch ist und bleibt der Einkauf eine enorme Schwachstelle der E-Book-Piraterie.

Problem Umsatz

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Spiegelbest geht davon aus, dass in 2013 die größeren illegalen Anbieter jeweils mindestens 10.000 Nutzer versorgt haben. Da sich TorBoox bei monatlichen Serverkosten von rund 1.000 Euro über freiwillige Spenden nicht finanzieren ließ, wurde daraus ein Abo-Modell. Bei der Menge an Käufern wird das eingesammelte Geld schnell zum Problem. Die Abos werden in den meisten Fällen über Paysafecards abgewickelt, die anonym sind, solange man sie nicht online einkauft. Die Paysafecard muss man im Einzelhandel (Tankstelle etc.) bar bezahlen. In diesem Zusammenhang sei an die Vorladungen der örtlichen Polizei von Zeugen erinnert, die beim Prepaid-Dienstleister wertkartenverkauf.com (WKV prepaid GmbH) Paysafe-Karten erworben haben.

Illegale Betreiber von Download-Portalen schalten deswegen einen Zwischenhändler ein, der ihre Identität schützen soll. Wenn der Zwischenhändler, bei dem die Paysafecards eingelöst werden dann bis zu 40% des Umsatzes für sich behält, bleiben bei über 10.000 Nutzern, die monatlich 3,33 Euro bezahlen, noch immer jeden Monat fast 20.000 Euro bei den Betreibern hängen. Gewerbsmäßige Urheberrechtsverletzungen in dieser Größenordnung finden schnell behördliche Ermittler, die sich brennend für die Hintergründe interessieren. Die Frage ist also, wie man an das Geld kommt, weil man die Umsätze natürlich nicht versteuern kann. Zu den Urheberrechtsverletzungen kommt somit automatisch Steuerhinterziehung hinzu. Da alle deutschen Banken laut Geldwäschegesetz zur Zusammenarbeit verpflichtet sind, werden die Umsätze vom Zwischenhändler wahrscheinlich zunächst auf anonyme ausländische Konten überwiesen. Doch spätere Überweisungen auf das eigene Konto in Deutschland hinterlassen trotzdem ihre Spuren.

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Sollte der Betreiber des illegalen Angebots sogar Hartz-IV-Empfänger sein, was nicht selten passiert, werden derartige Einkünfte noch mehr zum Problem. Auch die Benutzung von Bitcoins hinterlässt digitale Spuren, allerdings gestalten digitale Währungen die Arbeit der Ermittler nicht gerade einfacher.

TorBoox hat Maßstäbe gesetzt

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Der Markt für E-Books und Hörspiele wird sich weiter positiv entwickeln. Allerdings nicht so drastisch, wie von SpiegelBest beschrieben. Elektronische Lesegeräte machen nur langsam den gedruckten Büchern Konkurrenz. Von einer Ablösung innerhalb der nächsten Monate gehe ich ehrlich gesagt nicht aus. Neben Portalen mit einer Paywall wird es weitere Modelle geben, die dauerhaft überleben können. Auch die Zeit der kostenlosen Portale wie BookZa, Spenderkreise, Filehoster mit den angeschlossenen Warez-Foren und Blogs ist noch lange nicht vorbei. Auch wenn es einige Beobachter orakelt haben, so wird es auch Ende 2014 noch das Usenet und die P2P-Tauschbörsen geben.

Anonyme Netzwerke wie I2P, Freenet oder der Client RetroShare sind noch in der Entwicklung und konnten bisher nur wenige Nutzer an sich binden. Dennoch sollte man sie der Vollständigkeit halber erwähnen, weil auch dort urheberrechtlich geschützte Werke ausgetauscht werden.

Trotzdem hat TorBoox gezeigt, wie ein erfolgreiches Modell aussehen muss. Wer ein weniger professionell aufgestelltes Angebot wie TorBoox oder lul.to etablieren will, muss seine Nutzer über einen unschlagbar niedrigen Preis anlocken. SpiegelBest sagt voraus, es wird Ende nächsten Jahres mindestens 10 erfolgreiche E-Book-Portale mit einem jeweiligen Jahresumsatz von einer Million Euro geben. Somit könnte das Angebot aus dem Graubereich bis Ende 2014 möglicherweise die legalen Anbieter überrunden. Somit wäre TorBoox mehr als nur tot. Es treibt wie ein bissiges, tödliches und schläfriges Krokodil im Sumpf und wartet auf neue Opfer.

E-Book-Piraterie: Wie geht es weiter?

DEATH_by_zhuzhuWahrscheinlich auch in 2014 mit zahlreichen Hackversuchen, mit DDoS-Angriffen innerhalb der Szene und mit vielen erfolglosen Versuchen der Verlage, der GVU und anderer privater Ermittler, dem Treiben ein Ende zu bereiten. Das nächste Krokodil wird seine Tore zu den eigenen Servern besser absichern. So schnell dürfte sich die Geschichte von TB nicht wiederholen.

Hätte es keinen allumfassenden Hack gegeben, so würde boox.to nicht nur leblos auf der Wasseroberfläche treiben. Wie dem auch sei. Die Nachahmer werden im Laufe der Jahre den Verlagen, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und ihren Justiziaren das Geschäftsmodell kaputt machen. Was aber werden die Buchpiraten tun, sobald sie ihre eigene Quelle und somit die Lebensgrundlage aller Autoren zerstört haben? Sie haben irgendwann vor vielen Jahren als Liebhaber dieser Medien angefangen, als es noch nicht um’s große Geld verdienen ging.

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3 Gedanken zu &8222;E-Book-Piraterie: Wie geht es weiter?&8220;

  1. Vielleicht liegt’s am langsamen Vorgluehen auf Silvester [ 🙂 ], dass mir einiges nicht einleuchet.

    „Somit wäre TorBoox mehr als nur tot. Es treibt wie ein bissiges, tödliches und schläfriges Krokodil im Sumpf und wartet auf neue Opfer.“

    Tot ist tot. Mehr als tot ist folglich der Zustand fortschreitender Verwesung. Warum nun ist dieser Zustand von TB gefaehrlich, vom erbaermlichen Gestank mal abgesehen?

    TB hast sich selbst eliminiert durch seine dubiose Politik, alle 3 Hauptakteure (Otto, Thommy, Spiegelbest) haben sich selbst diskreditiert in der Szene. An den ominoesen ‚Hack‘ glauben viele User nicht, schon eher an ein geplantes Manoever.

    Die Mehrheit der User hat kein SO kurzes Gedaechtnis, dass sie kritiklos dem naechsten TB in die Arme laeuft. Dessen unruehmlicher Abgang hat der Szene insgesamt geschadet, die User sind skeptisch und Nachfolger werden sich in einem Wettbewerb befinden wie weiland die deutschen Discounter vor einigen Jahren. Nach Darwin werden die fittesten gewinnen.

    Jeder ‚Sammler‘ unter den Usern hat doch mindestens (!) ein paar hundert ungelesene Buecher auf dem Reader und kann die Durststrecke des „Buechermikado“ auf einer Po-Backe monatelang gemuetlich aussitzen. Und es gibt, last but not least, auch unter den Usern nicht wenige, die mit den frueheren Betreibern von TB noch eine kleine Rechnung offenhaben. Sprich: sie registrieren sich in den neuen Foren, entrichten ihren Obulus, und leaken anchliessend bei der Konkurrenz, was die DSL Leitung hergibt.

    Nur einige Aspekte, die ich in der Spiegelbest’schen Prognosen nicht als beruecksichtigt auzumachen vermag, weswegen sie mir nur bedingt einleuchten und ich fuer Erhellung dankbar waere :-).

    In diesem Sinne ein fruehes Danke fuer den Blog ueber’s Jahr und ein ebenso verfruehtes „Cheers!“.

    Charlotte

    1. Es ist ein gefährliches Krokodil für die Verlage, weil viele Leute dieses Modell nachahmen werden. Man kann mit dieser Methode sehr viel Geld mit vergleichsweise geringem Aufwand erwirtschaften. Von daher ist es mehr als wahrscheinlich, dass sich diverse Nachahmer finden werden.

      Wenn der Sysop einer BBS (illegale Mailbox) in den 90ern stilvoll Abschied nehmen wollte, gab er vor, die Polizei habe ihn besucht. So ähnlich kommt mir die Geschichte von TB auch manchmal vor. Andererseits: Was haben die Zahler denn eigentlich verloren? Sie zahlten 3.33 Euro monatlich und durften so viele E-Books herunterladen, bis die Platte voll war. Für das Geld hätten sich im legalen Markt nicht ein einziges E-Book bekommen, oder? Klar ist es ärgerlich wenn dann plötzlich keine Gegenleistung mehr erhältlich ist.

      Die Sache mit dem Büchermikado bleibt abzuwarten. Es wird tatsächlich einige Leute geben, die die frisch gekauften und DRM-befreiten Werke weiterreichen werden, schon um den Spenderkreisen zu schaden. Ob es für die eine oder andere Pobacke ausreichen wird, schauen wir mal. Dass sich die drei Waisen aus dem Bücherland selbst abgeschossen haben, wird denen sicher egal sein. Wer einmal nachrechnet, dem wird schnell klar sein, dass sie ihre Schäfchen längst im Trockenen haben. Außerdem könnte man jederzeit mit einem neuen Pseudonym wieder anfangen, oder?

      Wenn es in dem Sinne weitergeht, bleiben vor allem die Autoren auf der Strecke. Sie haben keine Möglichkeit, sich gegen die zunehmende Kommerzialisierung des Graubereichs zu wehren. In dem Sinne: Prost Mahlzeit!

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